Grundlegende Betrachtungen zur Zähnung der Germaniamarken

In dieser Abhandlung sollen die unterschiedlichen Varianten der Zähnung der Germaniamarken – ausschließlich die Marken mit Darstellung der Germania – behandelt werden.

Die von der Reichspost offiziell zum Postverkauf verausgabten Germaniamarken sind alle gezähnt. Einige geschnittene Ausgaben waren zwar frankaturgültig, sollen aber in dieser Arbeit später nur kurz betrachtet werden.

Der prinzipielle Ablauf eines Zähnungsvorganges ist bei allen Zähnungsarten gleich. Der zur Zähnung vorgesehene Bogen wird in die Zähnungsapparatur eingelegt und von Zähnungsstiften, die in bestimmten „Mustern“ angeordnet sind, durchstoßen. Durch die Form der Zähnungsstifte werden kleine Löcher aus dem Papier ausgestanzt.

Die Druckbögen des Plattendruckes bestanden bei den Germaniamarken aus vier, später auch z.T. aus acht Schalterbögen und wurden vor dem Zähnen in Zähnungsbögen getrennt. Diese bestanden aus zwei nebeneinander liegenden Schalterbögen. Diese Zähnungsbögen wurden alle mit einer Kammzähnung gezähnt. Bei der Kammzähnung kommt eine Zähnungsvorrichtung zum Einsatz, bei der die Hohlnadeln die Anordnung von einem „Kamm“ haben (Abb. 1), der sich immer in der gleichen Position auf und ab bewegt. Unter diesem „Kamm“ wird der Bogen (normalerweise gleich 5 Bögen auf einmal) auf einem Tisch ruckweise um jeweils eine Markenreihe bewegt.

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Abb. 1

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Abb. 2
Für einen reibungslosen Ablauf der Zähnung war erst einmal eine Hilfe aus dem Druckvorgang notwendig. Dort wurden mit dem Druck der Wertzeichen zusätzliche Markierungen – die Zähnungspunktur – auf dem Druckbogen angebracht (Abb. 2 mit zusätzlicher Formnummer). Der Bogen wird in diesen Punkten mit speziellen Nadeln auf dem beweglichen Tisch der Zähnungsmaschine befestigt – „aufgenadelt“. Durch die Anordnung der Zähnungspunktur auf dem Bogen und die entsprechende Positionierung auf dem Tisch wird sichergestellt, dass der Zähnungskamm beim ersten Niederschlag von der obersten waagerechten Markenreihe des Bogens die Oberseite sowie die rechte und linke Seite mit Zähnung versieht. Der Zähnungskamm fährt wieder nach oben und der Tisch mit dem Bogen bewegt sich um ein Markenfeld weiter nach oben. Dadurch kommt jetzt die zweite waagerechte Markenreihe genau unter den Zähnungskamm. Beim Niedergang des Zähnungskamms wird jetzt die Oberseite der zweiten Markenreihe (und damit ja auch die Unterseite der ersten Markenreihe) sowie die Seiten der zweiten Markenreihe gezähnt. (Abb. 3)

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Abb. 3

Dieses Prinzip setzt sich insgesamt 11 mal fort. Obwohl es nur 10 Markenreihen sind, ist noch ein 11. Kammschlag notwendig. Beim 10. Schlag wird ja erst die Oberseite, sowie die beiden Seiten der letzten Reihe gezähnt. Um jetzt die Unterseite zu zähnen, muss der Kamm noch einmal zum Einsatz kommen. Dabei wird zwangsweise der Unterrand des Bogens durchgezähnt. In Abb. 1 und Abb. 3 ist das Schema für einen Schalterbogen beschrieben. Oben wurden schon erwähnt, dass der Zähnungsbogen aber aus zwei nebeneinander liegenden Schalterbögen bestand. Diese wurden gleichzeitig gezähnt, indem man einen Kamm verwendete, der die doppelte Breite mit einem entsprechenden Abstand besaß. (Abb. 4)

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Abb. 4

Für diese Zähnung kam auch noch ein weiterer Kamm zum Einsatz, bei dem der Abstand zwischen den beiden Schalterbögen in der waagerechten Zähnungsreihe verbunden ist. (Abb. 5)

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Abb. 5

Abbildung 6
Abb. 6
Bei Verwendung des Kammes aus Abb. 5 erhält zwangsläufig der linke Schalterbogen einen rechts durchgezähnten Rand (rdgz) und der rechte Schalterbogen einen links durchgezähnten Rand (ldgz). Die bisher vorgestellte Kammzähnung wird auf Grund der Lage des Kammes als waagerechte Kammzähnung bezeichnet. Auf ein Merkmal soll hier noch hingewiesen werden, welches eine große Hilfe zur Bestimmung der Zähnungsart ist. Wenn man sich Abb. 1 bis 5 anschaut, sieht man rechts und links jeweils ein Zahnloch in der waagerechten Reihe über die erste bzw. letzte Senkrechte hinausragen. Dieses Loch wird als „Führungsloch“ bezeichnet, weil es bei früherem Fehlen dieses Loches oft zum Abreißen der Markenecke kam. Durch dieses zusätzliche Loch wird der Riss bis zum Ende „geführt“. Anhand dieses Führungsloches kann man jetzt auch auf die Zähnungsart schließen.

Aus dem oben gesagten wird deutlich, dass sich bei der waagerechten Kammzähnung immer am Oberrand eine durchgängige, glatte Zähnungsreihe ergibt und der Unterrand senkrecht durchgezähnt ist. An den Seitenrändern befinden sich die beschriebenen Führungslöcher, wenn nicht ein durchgezähnter Rand vorliegt (Abb. 6).

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Abb. 7
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Abb. 8
Nach dem bisher Beschriebenen wird nun auch die zweite Zähnungsart, die senkrechte Kammzähnung deutlich. Der einzige Unterschied besteht jetzt darin, dass der Kamm senkrecht steht und den Zähnungsbogen von links nach rechts zähnt (Abb. 7). Beim ersten Kammschlag wird von der ersten senkrechten Markenreihe die linke, sowie Ober- und Unterseite gezähnt. Danach bewegt sich der Zähnungsbogen weiter nach links und die zweite senkrechte Reihe kommt unter den Kamm. Beim zweiten Kammschlag wird wieder die linke Seite der zweiten senkrechten Markenreihe und somit auch die rechte Seite der ersten Markenreihe gezähnt (Abb. 8). Dies wird so weit fortgesetzt, bis der letzte Kammschlag die rechte Seite der zehnten Markenreihe zähnt. Zwangsläufig wird dabei auch der rechte Bogenrand durchgezähnt. Weiter oben wurde schon gesagt, dass der Zähnungsbogen aus zwei waagerecht zusammenhängenden Schalterbögen bestand. Der Abstand dieser beiden Schalterbögen entsprach genau einem Markenfeld, so dass der Zähnungskamm kontinuierlich den Zähnungsbogen durchzähnen konnte. Dabei bleibt der Ober- und Unterrand ungezähnt, beim linken Schalterbogen wird der rechte Rand und beim rechten Schalterbogen werden beide Seitenränder durchgezähnt. Auch hier treffen wir wieder die Führungslöcher, deren Funktion schon erläutert wurde. Durch die senkrechte Lage des Kamms, befinden sich diese jetzt aber oben und unten, so dass sich immer im Ober- und Unterrand ein über die Zähnung hinausragendes Loch befindet. Im Gegensatz dazu hat der linke Rand des Zähnungsbogens eine „glatte“ senkrechte Zähnungsreihe.

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Abb. 9
In Abb. 9 sieht man ein Beispiel der senkrechten Kammzähnung anhand einer linken oberen Ecke des rechten Schalterbogens. Verständlicherweise kann ein ldgz Rand nie aus einem linken Bogen stammen. Im Oberrand sind die Führungslöcher erkennbar. An diesem Schalterbogen war dann auch der rechte Rand durchgezähnt und der Unterrand nur mit Führungslöchern versehen.

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Abb. 10
Selbstverständlich gibt es auch hier keine Regel ohne Ausnahme. Bisher ist diese nur bei dem 25 Pfg. Wert der Reichspostausgabe in sehr wenigen Exemplaren bekannt geworden und dürfte mit zu den absoluten Seltenheiten der Germaniamarken zählen. Die sich am Seitenrand befindenden Führungslöcher sprechen für eine waagerechte Kammzähnung, bei der im Normalfall der Unterrand durchgezähnt ist. Die Erklärung für nebenstehend durchgezähnten Oberrand kann nur im kopfstehenden Einlegen des Zähnungsbogens in die Zähnungsapparatur liegen. Dadurch wurde der Oberrand an Stelle des Unterrandes durchgezähnt. (Abb. 10)

Damit ist die Zähnung der Germaniamarken im Plattendruck beschrieben. Auf Besonderheiten und Zähnungsabarten wird am Ende dieser Abhandlung eingegangen.

Da die Germaniamarken seit ca. 1911 auch im Rotationsdruck (Walzendruck) hergestellt wurden, liegt es nach den vorhergehenden Ausführungen nahe, dass dabei eine andere Zähnungsart verwendet wurde. Durch diese Druckart entstanden keine einzeln bedruckten Bögen, sondern eine Endlosrolle. Diese wurde nun auch nicht in Bögen zerschnitten, sondern gleich als Rolle gezähnt. Dies erfolgte mit einer Kastenzähnung. Bei der Kastenzähnung wurde ein kompletter Schalterbogen, also 100 Marken, auf einmal gezähnt. Die Zähnungsvorrichtung hatte die Form von elf untereinander liegenden Kämmen wie in Abb. 1 dargestellt. Ursächlich ist es also eine „waagerechte Kammzähnung“, bei der ein ganzer Schalterbogen gezähnt wurde. Wir finden damit auch an den Seitenrändern die typischen Führungslöcher.

Hier muss kurz noch ein drucktechnischer Hinweis erfolgen. Beim „normalen“ Walzendruck befanden sich auf der Druckwalze die Klischees für zwei Schalterbögen, jeweils getrennt durch eine Reihe von Feldern (Randfelder) in Markengröße. Auf diesen Feldern befanden sich die für den Walzendruck typischen Striche und Reihenwertzähler. Durch späteres mittiges Zerschneiden in diesen Feldern erhielt man die Schalterbögen mit den entsprechenden Ober-, bzw. Unterrändern.

Abbildung 11
Abb. 11
Die Kastenzähnung konnte nun theoretisch an jeder beliebigen Stelle beginnen. Nach dem ersten Zähnen wurden die Markenrolle um die elf Klischeereihen (10 Markenklischees und ein Randklischee) weitergedreht und der nächste Bogen konnte gezähnt werden. Dabei werden immer alle Felder komplett gezähnt, d. h., dass beim Walzendruck der Ober- und Unterrand durchgezähnt und der Seitenrand immer ungezähnt ist. Wenn man sich Walzendruckbögen anschaut, kann man erkennen, dass der Zähnungsvorgang meist mit den Randfeldern oder den Markenfeldern der ersten Reihe begann. Erkennbar ist dies daran, dass die nach dem Zähnen weitergedrehte Markenrolle meist etwas seitlich korrigiert wurde, bevor der nächste Zähnungsvorgang einsetzte. Dieses Korrigieren führte zu einem etwas „unförmigen“ Zahn, der als Ausgleichszahn bezeichnet wird (Abb. 11). In kompletten Bögen ist dieser Zahn also ein Zeichen dafür, wo der Zähnungsvorgang begann.

Dieser Zähnungsvorgang wurde nun auch bei der zweiten Form des Rotationsdruckes, der Rollenbahn, angewandt. Wurden aus dem ersten Rotationsdruckverfahren ganz normale Schalterbögen hergestellt, so war das Ziel bei der Herstellung der Rollenbahn, Markenrollen für die Postwertzeichengeber zu erhalten. Diese brauchten und durften verständlicherweise keine Ober-/ Unterränder haben. Deswegen wurden auf den Druckwalzen die Randklischees durch Markenklischees ersetzt, so dass mit einer Walzenumdrehung 10 x 22 Markenreihen gedruckt wurden. Wenn diese Endlos - Rollenbahn nun nach oben beschriebenem Verfahren gezähnt wurde, wanderte der Beginn des Zähnens, und damit auch die Position des Ausgleichszahnes, immer eine Reihe weiter nach oben.

Zum Abschluss sollen hier nun einige Abarten und Besonderheiten der Zähnung behandelt werden. Wie zu Beginn schon angeführt, gibt es einige Werte, die komplett ungezähnt sind. Diese Bögen sind also vor dem Zähnen aus dem internen Herstellungsablauf der Druckerei entfernt worden. Das hat zwei verschiedene Gründe. Zum einen hat das Reichspostmuseum zu Tauschzwecken ungezähnte Bögen bekommen und zum anderen sind trotz hoher Kontrollen wenige vereinzelte Bögen ungezähnt durchgerutscht. Zu den ersteren sind die Mi-Nr. 53, 54, 68 – 77 und 83I zu zählen. Aus Makulatur bzw. unerkannt in Verwendung gekommen stammen die Werte Mi-Nr. 56, 85II, 87II, 142, 143, 145, 147, 149, 150 und 152.

Abbildung 12
Abb. 12
Bei der oben beschriebenen Kammzähnung kam es zu verschiedenen Störungen des Zähnungsablaufs. Eine der markantesten Abweichung ist das Aussetzen des ersten bzw. letzten Kammschlages. Wenn der erste Kammschlag fehlt, entstanden Marken, die nur unten gezähnt sind – 85II und 86II. Dies kann als Ursache eigentlich nur eine Fehlfunktion der Zähnungsmaschine haben. Bei Fehlen des letzten Kammschlages entstehen die ungezähnten Unterränder. Diese Abart kommt durch zu frühes Herausnehmen der Bögen aus der Zähnungsapparatur zustande. Hier ist auf Verwechslung mit versetzten Kammschlägen zu achten, die weiter unten erläutert werden. Von den Uu sind folgende Werte bekannt : Mi-Nr. 86I, 85II, 144 und 148 – 153. Als Uu sind nur Marken mit vollständigem Unterrand (mind. 10mm) zu betrachten, da sehr kurze Unterränder auch noch einen abgeschnittenen versetzten Kammschlag gehabt haben können (Abb. 12).

Abbildung 13
Abb. 13
Als versetzten Kammschlag bezeichnet man das Zähnen des Kammes mit einem größeren oder kleineren Abstand zum vorherigen Kammschlag. Im Gegensatz zu Uu ist aber dieser Kammschlag vorhanden und oftmals etwas tiefer auf dem Bogenrand nachweisbar. Wenn der Bogen zu früh aus der Maschine entfernt wird, kann diese Zähnung dann auch etwas schräg verlaufen (Abb. 13).

Abbildung 14
Abb. 14
Abbildung 15
Abb. 15
Weiter oben wurde die Bedeutung der Zähnungspunktur erläutert. Wenn die Bögen nicht genau auf dieser Punktur aufgenadelt wurden, konnte auch der Zähnungskamm nicht in gleichmäßigem Abstand um das Markenbild zähnen. Diese Marken bezeichnet der Sammler dann als „dezentriert“ (Abb. 14). Im Normalfall wurden solche Bögen mit stärkerer Dezentrierung auch ausgesondert, kommen aber ab dem Kriegsdruck und dann in der Inflation immer häufiger vor. Stark dezentrierte Stücke (Markenbild wird durch die Zähnung berührt) aus der Zeit davor sind eher selten. Bei dem Paar kann man schon nicht mehr von einer Dezentrierung sprechen – dieser Bogen war verzähnt und hätte eigentlich gar nicht an den Schalter kommen dürfen (Abb. 15).

Abbildung 16
Abb. 16
Die Zähnungsapparatur unterlag auch einem Verschleiß. Es ist verständlich, dass, trotz Verwendung von Stahl, sich auch die Hohlnadeln durch den millionenfachen Einsatz abnutzten. Die Reibung am Niederhalter, sowie auch das Durchstoßen der Papierbögen sorgten für das Abschleifen und Stumpfwerden der Nadeln. Im Ergebnis konnten die Bögen nicht mehr sauber gezähnt werden, da keine Löcher scharfkantig ausgestanzt wurden. Diese Zähnung ist in ihrem Erscheinungsbild ungleichmäßig und rau. Sie wird auch als Nähmaschinenzähnung bezeichnet (Abb. 16).

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Abb. 17
Mitunter führte die Beanspruchung der Nadeln auch dazu, dass einzelne Nadeln abbrachen. Dadurch ergibt sich nun entsprechend ein fehlendes Zahnloch (FZL). Dieses ist auch erst seit dem Kriegsdruck zu beobachten und tritt nicht so häufig auf. Hier sind zwei Beispiele, die das veranschaulichen. Bei der Mi-Nr. 143 (Abb. 17) sind gleich 4 Nadeln ausgebrochen und ist damit der Nachweis der bisher höchsten Anzahl FZL an einer Marke.

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Abb. 18
In dem nebenstehenden Blockstück (Abb. 18) ist sehr schön erkennbar, dass links unter dem Reihenwertzähler 3,00 ein FZL vorhanden ist. Da es sich hier um eine waagerechte Kammzähnung handelt, muss zwangsläufig das FZL beim folgenden Kammschlag eine Reihe tiefer wieder erscheinen. Anhand solcher Stücke kann man sehr schön die Abläufe des Zähnens erläutern.

Damit sind die wesentlichen Punkte der Zähnung besprochen. Es sollte nun kein Problem mehr sein, die Art der Zähnung eindeutig zu bestimmen. Wer das vorhergehende aufmerksam gelesen hat, kann mir jetzt sicherlich auch die Zähnung der untenstehenden Markenecke erklären. Auf Ihre Meinung freut sich :

Arne Karusseit
Teltower Weg 18
14974 Ludwigsfelde
arkar@gmx.de

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Abb. 19

 

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